Ohne Stilisierung, mit Konsequenz
Ein altes Mietshaus in einer ruhigen Straße im Villenviertel. Heute wirkt das Gebäude wie ein natürlicher Teil der Umgebung – zurückhaltend in der Form, hell, mit einem Dach, das keine Aufmerksamkeit auf sich zieht, aber die Proportionen der gesamten Kubatur verändert. Nichts daran schreit, nichts täuscht vor. Das ist das Ergebnis von Entscheidungen, die auf Zurückhaltung setzten, nicht auf Effekte.
Noch vor wenigen Jahren war dasselbe Gebäude ein Flickwerk aus Epochen: unleserliche Fassade, Anbauten aus verschiedenen Jahrzehnten, ein mit Eternit gedecktes Dach, das längst seine Funktion verloren hatte. Die neuen Eigentümer standen vor der Frage, die bei jeder Modernisierung wiederkehrt: Wie viel bewahren, wie viel vereinfachen und wie den Charakter des Ortes nicht verlieren, wenn man versucht, ihn neu zu gestalten.
Die Antwort erwies sich als Konsequenz. Keine Stilisierung vergangener Zeiten, keine kontrastierenden Gesten, sondern eine ruhige Rückführung des Gebäudes zu einer Form, die ihm Raum zum Atmen gibt.
Ausgangspunkt: ein Gebäude ohne einheitliche Identität
Das Mietshaus entstand um die Wende der 1920er und 1930er Jahre als Wohnhaus – typische Bebauung eines Villenviertels, die Wohncharakter mit geringem Dienstleistungsanteil verband. Über Jahrzehnte änderte das Gebäude seine Funktion: Es war in Kommunalwohnungen aufgeteilt, später in Büros, und stand schließlich – nach Jahren der Vernachlässigung – leer.
Die Architekten, die das Sanierungsprojekt übernahmen, fanden eine Struktur voller Überreste vor. Die Fassade trug Spuren aufeinanderfolgender Sanierungen: Putze in drei Schattierungen, zugemauerte Fenster, Balkone ohne Logik angebaut. Das Dach war niedrig, dunkel, mit Schornsteinen, die längst nicht mehr funktionierten. Das Innere – ein Labyrinth aus kleinen Räumen, Fluren und Zwischengeschossen, die das Licht blockierten.
Der Impuls zur Veränderung war klar: Das Gebäude in ein Mehrfamilienhaus umzuwandeln, das funktional ist, aber nicht die Beziehung zur Umgebung verliert. Es ging nicht um Maximierung der Fläche, sondern um die Schaffung von Räumen, in denen man ruhig leben kann – ohne Übermaß, ohne Dekoration, ohne vorzutäuschen, etwas zu sein, was das Mietshaus nie war.
Entscheidungen: Was vereinfachen, was bewahren
Die zentrale Entscheidung war der Verzicht auf die Rekonstruktion der historischen Form. Das Stadthaus hatte keinen einheitlichen, reinen Stil – es war ein Hybrid. Anstatt zu versuchen, es zu „restaurieren“, setzten die Planer auf Ordnung: Entfernung alles Zufällig-Gewachsenen und Stärkung dessen, was den Kern des Gebäudes ausmachte.
Die Fassade wurde auf die Grundgeometrie reduziert: rechteckige Fenster, einheitlicher Putz, keine Ornamente. Auf Balkone wurde verzichtet – ihre Konstruktion war nicht dauerhaft, die Form willkürlich. Stattdessen entstanden große Fenster, die Licht hereinlassen, ohne die Proportionen der Fassade zu stören. Das Erdgeschoss, zuvor in kleine Räume unterteilt, wurde geöffnet – heute ist es ein Gemeinschaftsraum, der Eingang und Garten verbindet.
Im Inneren wurden die meisten Trennwände entfernt. Die neue Raumaufteilung folgt der Logik von Licht und Funktion, nicht der historischen Aufteilung. Es entstanden drei Wohnungen – jede mit eigenem Rhythmus, aber ohne Kampf um Dominanz. Das Treppenhaus, zuvor eng und dunkel, erhielt ein Oberlicht und klare Linien.
Das Dach als neuer Bezugspunkt
Das Dach war der Moment, in dem die Vergangenheit weichen musste. Das alte Flachdach aus Eternit war nicht reparierbar. Die Konstruktion war geschwächt, die Dämmung – nicht vorhanden. Die Planer hätten rekonstruieren können – das steile Satteldach der 30er Jahre nachbilden. Sie entschieden anders.
Das neue Dach ist leicht geneigt, gedeckt mit Blech in dezentem Graphit. Es imitiert keine Epoche, harmoniert aber mit der Umgebung – anderen Dächern der Gegend, Bäumen, der Horizontlinie. Die Änderung des Neigungswinkels ermöglichte es, das Dachgeschoss anzuheben, das zuvor unbrauchbar war. Heute ist es vollwertiger Teil der Wohnung – hell, mit Dachflächenfenstern, die die Fassade nicht stören.
Die Entscheidung für die Schlichtheit des Daches war entscheidend für die gesamte Gebäudeform. Das Gebäude war kein Flickwerk mehr – es wurde eine Einheit, klar ablesbar, im Ort verankert.
Materialien und Rhythmus: Dialog ohne Spannung
Bei der Modernisierung des Mietshauses entstanden keine Kontraste um des Effekts willen. Neue Elemente – Fenster, Geländer, Böden – sind zeitgemäß, aber nicht aufdringlich. Die Fenster aus Aluminium in dunklem Farbton fügen sich in die Fassade ein. Böden – Eichendielen, breit, ohne Patinierung. Wände – weiß, mit sichtbarer Putzstruktur.
Die Planer vermieden Nachahmungen. Keine „stilechten“ Fliesen, künstliche Holzalterung oder dekorative Leisten. Stattdessen – konsequente Materialwahl, die dem Gebäude erlaubt zu sein, was es jetzt ist: ein Haus mit Geschichte, das in der Gegenwart lebt.
Der Fensterrhythmus an der Fassade blieb erhalten – das einzige Element, das direkt an die ursprüngliche Anordnung anknüpft. Doch ihre Form ist neu: größere Verglasung, schlankere Profile, bessere Parameter. Ein subtiler Kompromiss zwischen Erinnerung und Funktion.
Bezug zur Umgebung
Das Mietshaus steht in einem Viertel, das über die Jahre seinen Charakter veränderte. Daneben – Villen aus den 30er-Jahren, niedrigere Bauten aus den 70ern, neue Reihenhausbebauung. Die Planer versuchten nicht, eine dieser Formensprachen zu imitieren. Stattdessen setzten sie auf Zurückhaltung: Das Gebäude ist präsent, dominiert aber nicht.
Der zuvor vernachlässigte Garten wurde geordnet. Keine katalogartigen Rasenflächen – eher natürliches Grün, alte Bäume, Kieswege. Die gartenseitige Fassade ist schlichter als die zur Straße – weniger Fenster, mehr Ruhe. Die private Seite, die sich nicht zeigen muss.
Leben nach den Entscheidungen
Heute funktioniert das Gebäude leise. Die Bewohner sprechen vom Licht – davon, wie sich dessen Verteilung nach der Öffnung der Innenräume und der Dachanhebung verändert hat. Morgens fällt die Sonne durch die Ostfenster ein, abends durch die Dachflächenfenster im Dachgeschoss. Es gibt keine dunklen Flure mehr, kein Labyrinthgefühl.
Auch der Tagesrhythmus hat sich gewandelt. Der Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss – zuvor ungenutzt – wurde zum Treffpunkt. Das Treppenhaus hörte dank des Oberlichts auf, nur Verkehrsweg zu sein. Der Garten, von den meisten Räumen aus sichtbar, kehrte in den Alltag zurück.
Das Gebäude gibt nicht vor, neu zu sein. Man sieht die Spuren der Zeit – die Mauerstärke, die Proportionen, die Verwurzelung im Ort. Aber man spürt nicht die Last der Vergangenheit. Es ist ein Haus, das eine zweite Chance bekam – nicht durch Stilisierung, sondern durch konsequente Vereinfachung.
Fazit: Modernisierung als Form des Respekts
Das zweite Leben des Mietshauses ist das Ergebnis von Entscheidungen, die auf Ehrlichkeit setzten. Die Planer versuchten nicht, das Gewesene zu rekonstruieren oder etwas völlig Neues zu schaffen. Sie wählten den dritten Weg: Ordnung schaffen, beruhigen und dem Gebäude erlauben, es selbst zu sein – ohne Überschuss, ohne Vortäuschung.
Dach, Fassade, Innenräume – jedes Element durchlief einen Vereinfachungsprozess. Es ging nicht um Minimalismus als Stil, sondern um die Entfernung des Unnötigen. Um das Wiederfinden einer Form, die es dem Gebäude ermöglicht, weiterzubestehen – in neuer Rolle, aber mit Respekt für Ort und Kontext.
Dieser Ansatz zeigt, dass Modernisierung weder Rekonstruktion noch Revolution sein muss. Sie kann einfach die konsequente Überführung eines Gebäudes in einen Zustand sein, in dem es wieder gut dient – ohne Stilisierung, mit Respekt, mit Bedacht.








