Ohne Rekonstruktion, mit Respekt
Das Mietshaus steht an einer Kreuzung, dort wo die Straße langsamer wird und mehr Licht einfällt. Die Fassade ist hell, die Fenster größer als bei den Nachbargebäuden, das Dach flach, ohne Verzierungen. Nichts schreit nach Vergangenheit, aber nichts tut so, als hätte es sie nicht gegeben. Es ist ein Gebäude, das eine Veränderung durchlaufen hat – ruhig, ohne rekonstruktive Geste, dafür mit klarer Absicht: weiterzubestehen, aber anders.
Die zeitgenössische Modernisierung alter Mietshäuser bedeutet selten die Wiederherstellung des Originalzustands. Häufiger ist es der Versuch, eine Balance zwischen dem zu finden, was war, und dem, was sein soll. Es geht nicht um die Nachbildung von Details, sondern darum zu verstehen, was am Gebäude noch funktioniert, was neu interpretiert werden muss und was man loslassen kann. Es ist ein Prozess voller Entscheidungen – manchmal schwierig, manchmal erst aus der Perspektive heraus offensichtlich.
Der Grund für die Veränderung
Das Mietshaus war über hundert Jahre alt, als die Entscheidung für einen grundlegenden Umbau fiel. Es war keine Ruine – eher ein ermüdetes Gebäude mit sichtbaren Spuren provisorischer Reparaturen, Anbauten und Anpassungen, die sich über Jahrzehnte ohne gemeinsamen Plan überlagert hatten. Die Wohnungen waren eng, dunkel, in kleine Räume aufgeteilt. Ein Teil der Einheiten stand leer, weil sie heutigen Standards nicht entsprachen. Die Eigentümer standen vor der Frage: abreißen und neu bauen oder versuchen, das zu bewahren, was noch Sinn macht.
Sie wählten Letzteres. Nicht aus Sentimentalität, sondern aus der Überzeugung, dass die Gebäudestruktur – ihre Lage, Proportionen, Beziehung zur Straße – noch Wert besitzt. Aber um weiter funktionieren zu können, musste sie sich verändern. Nicht in ein historisches Kostüm, sondern in eine Form, die ihr erlaubt, über die nächsten Jahrzehnte hinweg zu bestehen.
Diese Entscheidung erforderte eine andere Art von Mut als beim Neubau. Hier konnte man nicht auf einem leeren Blatt entwerfen. Man musste dem Gebäude zuhören, erkennen, was daran dauerhaft und was zufällig ist. Und auf dieser Grundlage Entscheidungen treffen.
Was blieb, was ging
Der erste Schritt bestand darin zu verstehen, was das Wesen des Mietshauses ausmacht und was nur eine Schichtung der Zeit darstellt. Die gemauerte Konstruktion erwies sich als solide – die tragenden Wände konnten bleiben. Auch die Anordnung des Treppenhauses war sinnvoll, benötigte jedoch eine Verbreiterung und bessere Belichtung. Die inneren Wohnungseinteilungen hingegen, die in den siebziger Jahren abgehängten Decken, die alten Installationen – all das konnte weichen.
Die Architekten entschieden sich für eine radikale Vereinfachung der Innenräume. Die meisten Trennwände wurden entfernt, Geschossdecken freigelegt, Zwischengeschosse und Durchgänge beseitigt, die sich über Jahre chaotisch entwickelt hatten. Die Wohnungen wurden größer, vor allem aber – klarer strukturiert. Der Raum atmet, Licht dringt tiefer ein, die Proportionen der Zimmer harmonieren nun mit der Raumhöhe.
Es war jedoch kein brutaler Eingriff. Der Fensterrhythmus zur Straßenseite wurde bewahrt, ebenso das ursprüngliche Treppenhaus mit seinen Steinstufen und ein Teil der verzierten Balustrade. Dies sind Elemente, die keine Rekonstruktion erforderten – sie waren schlichtweg dauerhaft und gut gestaltet genug, um zu bleiben. Ihre Präsenz verleiht dem Gebäude Kontinuität, dominiert aber nicht über die neuen Lösungen.
Materialien im Dialog
Die neuen Elemente – Stahlträger, Glas in den Verglasungen, glatte Putzflächen – versuchen nicht, die alten nachzuahmen. Sie sind zeitgemäß in ihrer Form, aber mit Gespür für den Maßstab gewählt. Sie konkurrieren nicht mit Ziegel und Stein, sondern koexistieren mit ihnen. Der Stahl ist matt, das Glas transparent, aber nicht glänzend. All dies sorgt dafür, dass das Neue ohne Aggression ins Alte einzieht, dafür mit klarer Absicht: Ich bin hier, weil das Gebäude es brauchte.
Das Dach als Wendepunkt
Eine der Schlüsselentscheidungen bei der Sanierung betraf das Dach. Das ursprüngliche Dach war steil, mit Ziegeln gedeckt und hatte mehrere zu unterschiedlichen Zeiten angebaute Gauben. Die Konstruktion war in schlechtem Zustand, das Dachgeschoss unbewohnbar. Man hätte das Dach in seiner ursprünglichen Form rekonstruieren können, doch das hätte den Verzicht auf zusätzlichen Wohnraum bedeutet.
Die Architekten schlugen eine andere Lösung vor: ein Flachdach, leicht von der Fassadenlinie zurückgesetzt, mit Terrassen und Verglasungen. Eine mutige Entscheidung, die die Silhouette des Gebäudes veränderte. Das Mietshaus wirkte optisch etwas niedriger, horizontaler, ruhiger. Doch es gewann etwas Wesentliches – Licht.
Das neue Dach ermöglichte die Schaffung von Wohnungen im obersten Geschoss, die zuvor nicht nutzbar waren. Große Dachverglasungen lassen Licht ins Innere, Terrassen öffnen den Blick auf die Stadt. Das ist keine Rekonstruktion – das ist eine Neuinterpretation. Das Dach ist nicht mehr nur Abdeckung, sondern Teil der Architektur, die das Leben im Gebäude prägt.
Diese Änderung beeinflusste auch die Beziehung des Mietshauses zur Straße. Das Gebäude dominiert nicht über seine Nachbarn, versucht nicht höher oder dekorativer zu sein. Es steht gelassen in der Reihe, doch seine neue Form signalisiert eine bewusste, durchdachte Transformation – ohne Nostalgie.
Leben nach der Veränderung
Heute ist das Mietshaus vollständig bewohnt. Die Wohnungen haben einen anderen Rhythmus als früher – sie sind offen, hell, funktional. Die Bewohner erzählen, wie sich ihr Tag verändert hat: mehr Licht am Morgen, Ruhe am Abend, die Möglichkeit, auf die Terrasse zu gehen statt in den Hof hinunterzusteigen. Subtile Veränderungen, die den Alltag prägen.
Das Gebäude hat seine Identität nicht verloren. Es ist noch immer ein Mietshaus – mit dicken Mauern, hohen Decken, solider Konstruktion. Aber es ist kein Museumsobjekt mehr. Es ist ein Ort, an dem man zeitgemäß leben kann, ohne Kompromisse beim Komfort, dafür mit dem Gefühl der Kontinuität.
Auch die Beziehung zur Nachbarschaft hat sich gewandelt. Das Mietshaus ist kein Gebäude mehr, das Mitleid oder besonderen Schutz braucht. Es ist ein gleichwertiger Bestandteil der Straße – vielleicht sogar offener, denn die Verglasung im Erdgeschoss erlaubt Einblicke, und die Dachterrassen verbinden die Bewohner auf neue Weise mit der Stadt.
Respekt ohne Rekonstruktion
Die Modernisierung dieses Mietshauses zeigt, dass ein zweites Leben nicht die Rückkehr in die Vergangenheit bedeuten muss. Man kann die Geschichte respektieren, ohne sie museal einzufrieren. Man kann bewahren, was Bestand hat, und ergänzen, was nötig ist – ohne vorzutäuschen, dass das eine wichtiger wäre als das andere.
Dieser Ansatz erfordert Reife – von Architekten wie von Eigentümern. Man muss akzeptieren, dass sich nicht alles erhalten lässt und nicht alles rekonstruiert werden sollte. Aber man muss auch erkennen können, was die Essenz eines Gebäudes ausmacht und was nur zufällige Patina der Zeit ist.
Das Mietshaus an der Kreuzung ist weder Manifest noch Musterlösung. Es ist ein Beispiel dafür, dass man über alte Gebäude anders denken kann – nicht als Problem, das gelöst werden muss, sondern als Ressource, die noch etwas zu bieten hat. Es braucht nur den Mut, ihr die Veränderung zuzugestehen.








